Bitcoin-Maximalismus – Unsinnig oder ist etwas Wahres dran?

Der Krypto-Sektor als Solches ist in den letzten Jahren zu einer riesigen Branche herangewachsen. Viele der Projekte haben sich im Laufe der Zeit eigene Communitys aufgebaut, die teilweise eng in die jeweiligen Plattformen und Infrastrukturen involviert sind. Zum einen, weil sie als Investoren direkte Anteile an den Projekten haben und zum anderen, weil die Interaktion auf Social Media sehr umfassend ist.

Der Krypto-Sektor ist ein Kind des Internets und so auch die Community. Entsprechend weit schlägt das emotionale Pendel in beide Richtungen. Sowohl eine Menge Euphorie und Meme-Kultur, als auch ein großes Maß an toxischer Kommunikation gehören zum Sektor dazu.

Die wohl größten konträren Lager kann man jedoch zwischen Bitcoin und dem restlichen Sektor aufteilen, denn die älteste Kryptowährung hat einige Anhänger, die die Daseinsberechtigung sämtlicher anderen Krypto-Projekte anzweifeln. Wenn man die emotionalen Debatten, die teils weit weg von konstruktiven Umgangsformen stattfinden, ausblendet und sich die fundamentale Lage aus der Investment-Perspektive anschaut, ist die Frage, ob Altcoins überhaupt eine Daseinsberechtigung haben, jedoch nicht komplett abwegig.

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich den fundamentalen Zweck sowohl von Bitcoin als auch des restlichen Sektors vor Augen führen und diese vor allem mit der traditionellen Finanzwelt vergleichen.

Bitcoin und Altcoins erfüllen zwei unterschiedliche Rollen

Bitcoin kann als Ursprung des Krypto-Sektors angesehen werden. Die Bitcoin-Blockchain ist ein dezentrales Zahlungssystem. Das Netzwerk ermöglicht eine dezentrale Alternative zum derzeitigen Geld- und Zentralbanksystem, wie es vorher technisch undenkbar war.

Der Ansatz von Bitcoin ist etwas Neues, ursprüngliches, welches diverse Konzepte elegant zusammenführt und damit in Summe etwas erzeugt, das größer ist als die einzelnen Bestandteile. Den diversen Kopien, die im Laufe der Jahre erzeugt wurden, fehlt diese Originalität und deswegen scheitern sie auch am großen Netzwerkeffekt von Bitcoin.

Die anderen Krypto-Projekte haben einen anderen grundsätzlichen Ansatz als Bitcoin. Ethereum eignet sich hier zum grundlegenden Verständnis als bestes Beispiel: Ethereum ist eine Art Betriebssystem, auf dem eine dezentrale Variante der derzeitigen digitalen Finanz- und Wirtschaftsinfrastruktur umgesetzt werden kann. Bitcoin als Zahlungssystem steht also nicht in unmittelbarer Konkurrenz dazu, sondern könnte im Gegenteil ein Teil davon werden, so wie derzeit der Dollar als Geldsystem und Plattformen wie der Banken-Sektor oder die Tech-Giganten Amazon, Google, Apple und Co. als komplexere Finanzinfrastruktur mit weitergehenden Angeboten darüber liegen.

Die Daseinsberechtigung von Bitcoin und Altcoins

Sowohl Bitcoin als Zahlungssystem als auch Altcoin-Projekte als dezentrale Alternativen zum derzeitigen System wollen den Status Quo langfristig verändern und den Platz von traditionellen Spielern einnehmen. Damit das gelingen kann, muss es eine Daseinsberechtigung geben, bzw. die neuen Alternativen müssen gut genug sein, um einen Anspruch darauf zu haben, als Ersatz auftreten zu können.

Bei Bitcoin ist die Sache klar. Das derzeitige Fiat-Geldsystem ist auf fundamentaler Ebene kaputt. In diesem Artikel im Detail darauf einzugehen, würde den Rahmen sprengen, daher empfehle ich bei Interesse diesen Artikel:

Die Schwächen des Goldstandards – und was Bitcoin besser macht

Wenn wir in Sachen Altcoins bei Ethereum als Beispiel bleiben, gibt es auch hier viele Argumente, die für eine Daseinsberechtigung sprechen, da die derzeitige digitale Ökonomie deutliche Zugangsbeschränkungen für viele Menschen aufweist und zudem Probleme aufgrund der Zentralisierung bestehen, die auch mit dem derzeitigen Geldsystem zusammenhängen.

Die Berechtigung für Ethereum, eine Alternative zu sein, gilt hier vor allem für das derzeitige Finanzsystem, also für den Banken-Sektor und den weiteren Payment- und Finanzdienstleistungssektor.

Die Perspektive des Bitcoin-Maximalismus

Hier darf man jedoch nicht nur auf den Status Quo schauen, wenn man bewerten möchte, ob Ethereum eine sinnvolle Alternative für die derzeitige Finanzinfrastruktur ist. Denn die Antwort auf dieser Ebene ist relativ einfach: Eine dezentrale Alternative der derzeitigen Finanzinfrastruktur wäre aufgrund der Vielzahl an Problemen auf jeden Fall wünschenswert.

Man muss hier in einem größeren Maßstab denken, um den fundamentalen Investmentcase wirklich bewerten zu können. Der Ursprung der derzeitigen Probleme innerhalb des Geld- und Finanzsystems liegt darin, dass der Goldstandard Anfang des 20 Jahrhunderts nach mehreren Jahrzehnten der Stabilität und des Wachstums aufgehoben wurde, weil Staaten über ihre verfügbaren Ressourcen hinaus agieren wollten – vor allem, um die Kosten des ersten Weltkrieges zu finanzieren.

Damit war die Büxe der Pandora geöffnet und auch eine zwischenzeitliche Rückkehr zu einer Form des Goldstandards durch das Bretton-Woods-System konnte sie nicht wieder verschließen. Die globale Gemeinschaft ist in das Zeitalter des endlosen Schuldenmachens und der wirtschaftlichen Kontrolle durch die Zentralbank-, bzw. Geldpolitik getreten – mit all den negativen Folgen.

Die erste Abkehr des Goldstandards Anfang des 20 Jahrhunderts hat den Boden dafür bereitet, dass die Finanzwirtschaft, wie wir sie heute haben, zu grotesken Ausmaßen angewachsen ist. Man muss zwischen zwei Dingen unterscheiden: Zum einen der Realwirtschaft, in der Güter und Dienstleistungen produziert und angeboten werden, und zum anderen der Finanzwirtschaft. Das ist der Bereich der Wirtschaft, der für die Nutzung und effiziente Verteilung des Geldes als grundlegendem Werkzeug des Wirtschaftens zuständig ist und aus dem Banken-Sektor und weiteren Finanzdienstleistungen wie Versicherungen und so weiter besteht.

Diese beiden Teilbereiche der Wirtschaft sind eng miteinander verflochten. Während in der Realwirtschaft „die Musik spielt“ und tatsächlicher Wert erzeugt wird, dient die Finanzwirtschaft als Werkzeug dafür, dass das Geld schnell und effizient dahin kommt, wo es gebraucht wird, bzw. am meisten Wert erzeugen kann. Die Finanzwirtschaft ist also ein Diener der Realwirtschaft. So zumindest in der Theorie.

Dadurch, dass sich vom Goldstandard verabschiedet wurde, konnte in der Konsequenz auch die Geldmenge immer weiter ausgeweitet werden. Eine sich immer weiter ausdehnende Geldmenge hat automatisch auch die Nachfrage nach weiteren und zunehmend komplexeren Finanzdienstleistungen heraufbeschworen, da Menschen immer nach Mitteln und Wegen suchen, um Ressourcen zu nutzen.

Und so hat sich die Finanzwirtschaft langfristig immer weiter aufgebläht und es wurden zunehmend Produkte und Dienstleistungen erzeugt, die nur noch innerhalb der Finanzwirtschaft einen Sinn haben – Geld zu bewegen und vor allem zu vermehren – und in Bezug auf die Realwirtschaft und die Erzeugung von tatsächlichem Wert für die Allgemeinheit keine große Daseinsberechtigung haben.

Nach den vielen Jahrzehnten des Fiat-Standards ist die Finanzwirtschaft nun so grotesk aufgebläht, dass sie die Realwirtschaft komplett vereinnahmt und unter Kontrolle hält. Die Finanzwirtschaft bestimmt mittlerweile – vor allem in den USA – über die Gesundheit der Gesamtwirtschaft, erzeugt jedoch gleichzeitig einen sehr ungleichen Zugang zu Geld bzw. zur Möglichkeit, Wohlstand aufzubauen.

Bitcoin als Konzept ist ein Gegenentwurf zu diesem Szenario, da es eine neue, technologisch konkurrenzfähige Version eines Goldstandards ist, der Wirtschaften in der Realwirtschaft begünstigt und eine Antithese zum derzeitigen, schuldenbasierten Geldsystem ist. In einer Welt mit Bitcoin als zugrundeliegender Währung wäre kein Platz für eine so aufgeblähte Finanzwirtschaft, da dort größtenteils kein echter Wert erzeugt wird. In einer Welt ohne endlos vermehrbares Geld hat schlechtes Wirtschaften echte Konsequenzen.

Wie lassen sich Altcoins aus dieser Perspektive betrachten?

Im Endeffekt wäre eine dezentrale Variante des derzeitigen Finanzsystems also immer noch ein Finanzsystem, welches viel zu groß ist und mit der Erzeugung von echtem Wert für ein Großteil aller Wirtschaftsteilnehmer wenig zu tun hat. Daher ist die Frage legitim, ob man für den Aufbau einer gesunden Wirtschaftsinfrastruktur, heißt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Finanz- und Realwirtschaft mit Bitcoin als Geldfundament, den restlichen Krypto-Sektor überhaupt benötigt.

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Die derzeitige Welt mit der Zeit zu vergleichen, in der die Realwirtschaft noch den Ton angegeben hat und die Finanzwirtschaft leidglich ein unbedeutender Teil des Ganzen oder eben ein „Diener“ der Realwirtschaft war, macht wenig Sinn. Die moderne Welt hat sich sehr stark verändert, da in den letzten Jahrzehnten immer wieder technologische Quantensprünge passiert sind.

Die voranschreitende Digitalisierung wird sich nicht abbremsen, sondern im Gegenteil wahrscheinlich immer schneller vorangehen. Heißt, die Welt wird weiterhin immer komplexer werden. Daher ist es eine plausible Annahme, dass eine zunehmend komplexer werdende Welt auch ein komplexeres Finanzsystem mit einer breiteren Fülle von Dienstleistungen benötigt, die tatsächlichen Wert erzeugen.

Das ist zugegeben etwas schwammig formuliert, da diese Sachlage sehr schwer zu prognostizieren ist und man ohnehin nicht vorhersehen kann, wie die digitale Ökonomie der Zukunft letzten Endes aussehen wird. Doch am Ende gilt immer auch: Solange eine Nachfrage für etwas da ist, wird es sich auch durchsetzen.

Das heißt aus meiner Sicht, dass Altcoins wie Ethereum und das ganze Ökosystem durchaus eine Daseinsberechtigung haben und davon ausgehend auch das Investmentpotenzial in diese Assets entsprechend groß ist. Aus der Investmentperspektive muss man ohnehin immer so viele verschiedene Szenarien wie möglich mit in die Betrachtung einbeziehen und auch wenn eine Welt wünschenswert wäre, in der die Finanzwirtschaft deutlich zusammengeschrumpft wird und die Realwirtschaft mit der tatsächlichen Erzeugung von Wert für die Allgemeinheit im Vordergrund steht, ist es wohl das wahrscheinlichere Szenario, dass die derzeitige Finanzwelt in die digitaler werdende Welt migriert. Und da ist es immer noch eine bessere Variante, wenn dies in möglichst dezentraler Form und damit mit halbwegs fairen und transparenten Bedingungen für jeden Wirtschaftsteilnehmer passiert.

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