Der Bitcoin-Kurs kämpft weiterhin mit einem schwierigen Marktumfeld. Zwar konnte sich die Kryptowährung in den vergangenen Tagen vom Tief bei rund 58.300 Dollar zeitweise bis auf etwa 64.400 Dollar erholen, doch von einer nachhaltigen Trendwende kann nach Ansicht der On-Chain-Analysten von Glassnode bislang keine Rede sein. Während geopolitische Risiken, steigende Ölpreise und die überraschenden Bitcoin-Verkäufe von Strategy die Stimmung belasten, zeigt die Blockchain-Analyse gleichzeitig, dass sich der Markt zunehmend einer langfristigen Bodenbildung nähert.
Geopolitik und Geldpolitik belasten Risikoanlagen
Zu den größten Belastungsfaktoren zählt derzeit die Eskalation im Nahen Osten. Nachdem das Memorandum of Understanding zwischen den USA und dem Iran offiziell gescheitert ist, stiegen die Ölpreise deutlich an. Brent-Öl verteuerte sich innerhalb einer Woche von rund 68 auf 74 Dollar, während auch WTI kräftig zulegte. Die Sorge vor steigenden Energiepreisen erhöht gleichzeitig die Inflationserwartungen und verringert die Chancen auf baldige Zinssenkungen der US-Notenbank.
Hinzu kommen weitere makroökonomische Unsicherheiten. Spannungen im internationalen Handel, steigende Renditen japanischer Staatsanleihen sowie eine allgemein rückläufige Risikobereitschaft an den Finanzmärkten sorgten zuletzt ebenfalls für Gegenwind. Bitcoin entwickelte sich dabei schwächer als viele Technologiewerte und konnte eine Erholung über die Marke von 64.500 Dollar bislang nicht nachhaltig etablieren.
Strategy-Verkäufe sorgen für Verunsicherung
Für zusätzliche Nervosität sorgten zuletzt die erneuten Bitcoin-Verkäufe von Strategy. Nachdem das Unternehmen Ende Mai bereits erstmals seit Jahren einen kleinen Teil seiner Bestände verkauft hatte, folgte Ende Juni ein weiterer Verkauf von 3.588 Bitcoin im Wert von rund 216 Millionen Dollar.
Besonders kritisch bewerten Marktteilnehmer, dass diese Verkäufe außerhalb des bekannten Monetization-Programms stattfanden. Dadurch wächst die Sorge, dass Strategy künftig häufiger Teile seiner Bitcoin-Bestände veräußern könnte, um Dividendenzahlungen und die eigene Kapitalstruktur zu finanzieren. Angesichts jährlicher Dividendenverpflichtungen von rund 1,76 Milliarden Dollar und milliardenschwerer Wandelanleihen sehen einige Investoren hierin einen zusätzlichen Belastungsfaktor für den Bitcoin-Kurs.
Der Bitwise-CIO Matt Hougan bewertet die Entwicklung jedoch deutlich gelassener. Seiner Einschätzung nach habe Bitcoin die Verkäufe überraschend gut verkraftet. Dies zeige, dass Strategy inzwischen nicht mehr der wichtigste marginale Käufer am Markt sei. Diese Rolle gehe zunehmend auf institutionelle Investoren über, die über Spot-Bitcoin-ETFs und andere Anlageprodukte Kapital in den Markt bringen. Strategy bleibe mit rund 843.775 Bitcoin zwar weiterhin der größte Unternehmenshalter der Kryptowährung, langfristig dürfte institutionelles Kapital jedoch eine deutlich größere Rolle spielen.
Glassnode: Bitcoin befindet sich in historischer Bewertungszone
Trotz der kurzfristigen Unsicherheiten erkennt Glassnode zunehmend Anzeichen einer klassischen Bodenbildungsphase. Demnach notiert Bitcoin inzwischen seit rund fünf Monaten sowohl unter dem sogenannten True Market Mean als auch unter der Short-Term Holder Cost Basis. Mit rund 76.600 beziehungsweise 72.200 Dollar liegen beide Bewertungsniveaus derzeit deutlich über dem aktuellen Marktpreis.
Eine derart lange Phase einer tiefen Unterbewertung sei historisch äußerst selten gewesen. In früheren Marktzyklen hätten vergleichbare Bewertungsniveaus häufig den Grundstein für spätere Bullenmärkte gelegt. Gleichzeitig betonen die Analysten jedoch, dass die Bodenbildung noch nicht abgeschlossen sei.
Drei Bedingungen für eine nachhaltige Trendwende
Nach Einschätzung von Glassnode fehlen derzeit noch drei entscheidende Bestätigungssignale.
Erstens halten langfristige Bitcoin-Investoren weiterhin außergewöhnlich hohe Verluste realisiert fest. Inzwischen entfallen rund 43 Prozent aller realisierten On-Chain-Verluste auf diese Anlegergruppe – Anfang Februar lag dieser Anteil noch bei lediglich 15 Prozent. Die täglich realisierten Verluste erreichten zuletzt rund 280 Millionen Dollar und damit den höchsten Stand seit Ende 2022. Historisch seien nachhaltige Bärenmarktböden erst entstanden, nachdem dieser Verkaufsdruck deutlich nachgelassen habe.
Zweitens bleibt auch die institutionelle Nachfrage über Spot-Bitcoin-ETFs schwach. Zwar haben sich die Nettoabflüsse gegenüber ihrem Höhepunkt Anfang Juni bereits deutlich reduziert, dennoch fließt unter dem Strich weiterhin Kapital aus den Fonds ab. Gleichzeitig liegt das tägliche Handelsvolumen der ETFs rund 80 Prozent unter dem Rekordniveau aus dem Oktober 2025. Erst wenn sich sowohl die Kapitalflüsse als auch das Handelsvolumen nachhaltig stabilisieren, sehen die Analysten hierin ein belastbares Kaufsignal.
Als dritten Faktor nennt Glassnode den Terminmarkt. Zwar ist die Put-Call-Ratio inzwischen auf den niedrigsten Stand des Jahres gefallen, was grundsätzlich auf eine optimistischere Positionierung hindeutet. Gleichzeitig bezahlen Anleger jedoch weiterhin ungewöhnlich hohe Prämien für Absicherungen gegen fallende Kurse. Diese Diskrepanz zeigt, dass professionelle Marktteilnehmer trotz vorsichtiger Long-Positionierung weiterhin mit erhöhten Abwärtsrisiken rechnen.
Wichtige Kursmarken bleiben im Fokus
Technisch bleibt die Zone um 60.000 Dollar die entscheidende Unterstützung. Sollte diese Marke nachhaltig unterschritten werden, rückt laut Glassnode der Realized Price bei rund 53.000 Dollar als mögliche Untergrenze des aktuellen Bärenmarktes in den Fokus.
Auf der Oberseite gilt dagegen zunächst der Bereich um 66.000 Dollar als entscheidender Widerstand. Dort liegt das sogenannte Max-Pain-Niveau des Optionsmarktes. Erst wenn Bitcoin diese Marke nachhaltig zurückerobert und sich gleichzeitig die Verkäufe langfristiger Investoren sowie die ETF-Abflüsse weiter abschwächen, würden sich die Chancen auf einen echten Regimewechsel laut Glassnode deutlich verbessern.
Bis dahin sprechen die Daten zwar für eine fortschreitende Bodenbildung – eine bestätigte Trendwende sehen die Analysten jedoch noch nicht.





