Hat Bitcoin den Tiefpunkt dieses Bärenmarktes bereits hinter sich oder steht Anlegern noch eine letzte Abwärtswelle bevor? Genau darüber streiten derzeit einige der größten Research-Häuser der Krypto-Branche. Während mehrere On-Chain-Indikatoren zunehmend auf eine Bodenbildung hindeuten, erwarten andere Analysten noch Kurse von bis zu 40.000 Dollar. Einig sind sich jedoch fast alle in einem Punkt: Der Bitcoin-Markt hat sich grundlegend verändert.
Bitcoin notiert derzeit bei rund 64.000 Dollar und damit knapp 50 Prozent unter seinem Allzeithoch von über 126.000 Dollar aus dem Oktober 2025. Verglichen mit früheren Bärenmärkten fällt die Korrektur bislang deutlich moderater aus. Gleichzeitig sorgt genau diese veränderte Marktstruktur dafür, dass die Einordnung des aktuellen Zyklus schwieriger geworden ist als je zuvor.
Der Bullenmarkt des vergangenen Jahres wurde maßgeblich durch die Einführung der Spot-Bitcoin-ETFs, den Halving-Effekt und eine starke institutionelle Nachfrage getragen. Seit dem Rekordhoch bewegt sich der Markt jedoch kontinuierlich abwärts. Die entscheidende Frage lautet nun: Ist das bereits die finale Kapitulationsphase oder steht Bitcoin noch vor einem letzten Ausverkauf?
Zwischen Bodenbildung und weiterem Abwärtspotenzial
Eine vergleichsweise optimistische Einschätzung liefert André Dragosch, Head of Research Europe beim Vermögensverwalter Bitwise. Er sieht Bitcoin inzwischen in einer späten Phase des Bärenmarktes. Mehrere Indikatoren deuteten bereits darauf hin, dass die Verkaufsdynamik zunehmend nachlasse.
Besonders auffällig sei die extrem negative Marktstimmung. Diese bewege sich inzwischen auf einem Niveau, das zuletzt unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Kryptobörse FTX Ende 2022 erreicht wurde. Historisch markierten solche Phasen häufig den Beginn einer nachhaltigen Bodenbildung.
Dennoch warnt Dragosch davor, vorschnell das endgültige Tief auszurufen. Kein einzelner Indikator könne den exakten Wendepunkt zuverlässig bestimmen. Hinzu komme, dass der Markt durch Spot-Bitcoin-ETFs und institutionelle Investoren heute deutlich stärker vom Off-Chain-Handel geprägt sei. Dadurch verlieren viele klassische On-Chain-Indikatoren an Aussagekraft.
Sollte sich das makroökonomische Umfeld stabilisieren, hält Dragosch es sogar für möglich, dass Bitcoin in den kommenden Monaten besser abschneidet als viele KI-Aktien.
Andere Analysten rechnen noch mit deutlich tieferen Kursen
Deutlich vorsichtiger äußert sich Russell Thomson, Chief Investment Officer des Vermögensverwalters Hilbert Capital. Seiner Einschätzung nach befindet sich Bitcoin weiterhin klar in einem makrogetriebenen Abwärtstrend.
Zunächst erwartet Thomson einen Rückgang in den Bereich zwischen 56.000 und 52.000 Dollar. Anschließend hält er sogar eine Ausweitung der Verluste bis auf 40.000 bis 45.000 Dollar für möglich. Erst dort sieht er eine langfristig tragfähige Bodenbildung.
Als möglichen Zeitpunkt für das Zyklustief nennt Thomson den Oktober 2026. Allerdings könnten Zinssenkungen der US-Notenbank oder eine Verabschiedung des CLARITY Acts in den USA den Boden auch früher entstehen lassen.
Nach seiner Einschätzung verhält sich Bitcoin inzwischen deutlich stärker wie ein klassischer Risiko- beziehungsweise Makro-Asset. Institutionelle Anleger hätten den Einfluss der globalen Liquiditätsbedingungen nicht abgeschwächt, sondern sogar verstärkt.
Auch Galaxy Research sieht noch keine vollständige Bodenbildung. Das Analysehaus verweist darauf, dass mehrere klassische Zyklusindikatoren bislang noch nicht vollständig zurückgesetzt hätten. Im Basisszenario hält Galaxy deshalb ebenfalls einen Rückgang auf 40.000 bis 46.000 Dollar für möglich.
Zusätzlichen Rückenwind erhält diese vorsichtige Sichtweise von der Citibank. Anfang Juli senkte die Bank ihr Zwölf-Monats-Kursziel für Bitcoin von 112.000 auf 82.000 Dollar. Als Begründung nennt sie die zunehmende Verflechtung mit den traditionellen Finanzmärkten. Bitcoin reagiere heute deutlich sensibler auf Liquidität und die Entwicklung klassischer Risikoanlagen als noch in früheren Marktzyklen.
On-Chain-Indikatoren senden gemischte Signale
Auch die On-Chain-Daten liefern derzeit kein eindeutiges Bild.
Die Analyseplattform CryptoQuant verweist auf den Indikator Net Unrealized Profit/Loss (NUPL), der misst, wie viele Bitcoin aktuell mit Gewinn beziehungsweise Verlust gehalten werden. Historisch entstand der Tiefpunkt jedes Bärenmarktes erst dann, wenn der geglättete 100-Tage-Durchschnitt dieses Indikators unter die Nulllinie fiel.
Genau dieser Punkt wurde bislang jedoch noch nicht erreicht. Zwar nähert sich der Indikator zunehmend dieser Zone an, aktuell liegt er aber weiterhin darüber. CryptoQuant hält deshalb zwei Szenarien für möglich: Entweder wiederholt sich das historische Muster erneut oder dieser Zyklus markiert erstmals einen Boden, ohne dass der Indikator die Nulllinie unterschreitet. Die Analysten verweisen darauf, dass jede Bitcoin-Korrektur bislang etwas flacher ausgefallen ist als die vorherige.
Auch CryptoQuant-Analyst Axel Adler Jr. sieht die Kapitulationsphase noch nicht vollständig abgeschlossen. Historisch typische Werte könnten erst in den kommenden Wochen oder sogar Monaten erreicht werden.
Mehr als die Hälfte aller Bitcoin liegen bereits im Verlust
Einen deutlich optimistischeren Bodenindikator liefert dagegen der Broker K33.
Nach aktuellen Berechnungen befinden sich inzwischen mehr als 50 Prozent aller umlaufenden Bitcoin im unrealisierten Verlust. Genau dieses Signal trat in früheren Bärenmärkten häufig erst kurz vor dem endgültigen Tiefpunkt auf.
Im Jahr 2017 folgte der Boden 31 Tage später, 2018 nach 23 Tagen und während des FTX-Crashs 2022 bereits nach 13 Tagen. Lediglich der Zyklus von 2014 stellte mit mehr als drei Monaten Verzögerung eine Ausnahme dar.
Allerdings betont auch K33, dass die enorme Bedeutung der Spot-Bitcoin-ETFs diesen Zyklus grundlegend verändern könnte. Institutionelle Investoren und ETF-Zuflüsse hätten heute einen deutlich größeren Einfluss auf die Preisentwicklung als in allen früheren Marktphasen.
Tatsächlich zeigen die ETF-Daten zuletzt ein gemischtes Bild. Zwar flossen an zwei Handelstagen in Folge wieder insgesamt 265 Millionen Dollar in US-Spot-Bitcoin-ETFs, gleichzeitig verzeichnete der Juni mit Nettoabflüssen von 4,51 Milliarden Dollar den bislang schwächsten Monat seit Einführung der Produkte.
Der Bitcoin-Zyklus verändert sich grundlegend
Für Dean Chen von der Kryptobörse Bitunix greift die klassische Diskussion über den nächsten Bärenmarktboden inzwischen ohnehin zu kurz. Aus seiner Sicht konkurriert Bitcoin heute nicht mehr nur mit anderen Kryptowährungen, sondern direkt mit globalen Kapitalströmen in Bereiche wie Künstliche Intelligenz oder den Aktienmarkt.
Deshalb sei die entscheidende Frage nicht mehr, wann Bitcoin seinen Tiefpunkt erreicht. Viel wichtiger sei, wann Kryptowährungen wieder zur attraktivsten Anlageklasse für internationales Risikokapital werden.
Gleichzeitig gewinnen laut Chen Derivatemärkte zunehmend an Bedeutung für die kurzfristige Preisbildung. Kennzahlen wie Open Interest oder Funding Rates beeinflussen den Markt heute wesentlich stärker als in früheren Zyklen. Ein klassischer V-förmiger Boden werde dadurch immer unwahrscheinlicher. Stattdessen könnte Bitcoin über einen längeren Zeitraum eine stabile Bodenbildungsphase ausbilden.
Ob der Tiefpunkt bereits erreicht wurde oder noch bevorsteht, bleibt damit offen. Die meisten Analysten sind sich jedoch in einem Punkt einig: Mit dem Einfluss institutioneller Investoren, der Spot-Bitcoin-ETFs und der globalen Liquiditätsentwicklung folgt Bitcoin heute anderen Regeln als noch in früheren Marktzyklen. Genau deshalb dürfte auch die nächste Bodenbildung anders verlaufen als viele Anleger es aus der Vergangenheit gewohnt sind.





