Bitcoin unter 80.000 Dollar: Öl-Schock, Yen-Risiko und Bondmarkt setzen Krypto unter Druck

Bitcoin

Bitcoin kommt nicht nachhaltig über die Marke von 80.000 Dollar hinaus. Hinter der Schwäche steckt derzeit weniger ein kryptospezifisches Problem als ein zunehmend schwieriges Makroumfeld: Der Iran-Krieg treibt den Ölpreis über 100 Dollar, die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen steigen trotz größerer Treasury-Buybacks weiter und die starke Aufwertung des japanischen Yen erhöht das Risiko eines erneuten Carry-Trade-Unwinds. Gleichzeitig sorgt Donald Trump mit einem möglichen 5.000-Dollar-Scheck für jeden erwachsenen US-Bürger für neue Diskussionen über Defizite und Inflation.

Bitcoin bewegte sich am Mittwoch erneut unterhalb von 80.000 Dollar. Ein Versuch, die psychologisch wichtige Marke zurückzuerobern, verlor schnell an Dynamik. Zeitweise lag BTC rund 0,4 Prozent im Minus. Auch an den US-Aktienmärkten überwog zum Handelsstart die Vorsicht.

Der entscheidende Belastungsfaktor kommt derzeit aus der Geopolitik. Neue US-Angriffe auf iranische Öltanker ließen die Energiepreise weiter steigen. Brent-Öl überschritt erstmals seit Ende Juli wieder die Marke von 101 Dollar je Barrel, während WTI zeitweise über 96 Dollar notierte.

Öl über 100 Dollar verschärft das Inflationsproblem

Der Konflikt zwischen den USA und Iran ist inzwischen nicht mehr nur ein geopolitischer Risikofaktor. Über die steigenden Energiepreise wirkt er zunehmend direkt auf den Inflationsausblick und damit auf die Finanzmärkte.

Das US-Militär erklärte, innerhalb einer Woche zehn iranische Tanker zerstört zu haben. Gleichzeitig reklamierte die iranische Revolutionsgarde Angriffe auf Tanker im Persischen Golf für sich. Donald Trump stellte weitere amerikanische Angriffe in Aussicht und räumte zugleich ein, dass weder der Krieg noch die dadurch erhöhten Energiepreise kurzfristig verschwinden dürften.

Nach Einschätzung des US-Präsidenten könnten die Ölpreise erst nach den Midterm-Wahlen Anfang November wieder deutlich sinken. Auch ein Ende des Krieges erwartet Trump erst nach der Wahl. Ob diese Prognose aufgeht, ist allerdings offen. Patrick De Haan vom Kraftstoffpreisportal GasBuddy erklärte, für einen deutlichen Rückgang von Öl- und Benzinpreisen gebe es derzeit keinerlei Garantie.

Für die Finanzmärkte ist die Entwicklung besonders unangenehm. Höhere Energiepreise können die Inflation erneut anschieben, während die Federal Reserve bereits mit einem weiterhin erhöhten Preisdruck kämpft. Im Juli lag die US-Inflationsrate bei 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Steigt der Inflationsdruck weiter, erhöht das den Spielraum für eine restriktivere Geldpolitik – und genau diese Aussicht belastet zinssensitive Risikoanlagen wie Technologieaktien und Kryptowährungen.

Treasury-Buybacks können Renditeanstieg bislang nicht stoppen

Parallel dazu nimmt der Stress am US-Anleihemarkt zu. Das Finanzministerium kündigte am Mittwoch an, bis zu sechs Milliarden Dollar an bereits ausstehenden Staatsanleihen zurückzukaufen. Damit wird das zuletzt übliche Volumen von rund zwei Milliarden Dollar verdreifacht.

Die Buybacks betreffen unter anderem ältere 10- und 20-jährige Staatsanleihen. Ziel des Programms ist offiziell, die Liquidität in weniger stark gehandelten Segmenten des Treasury-Marktes zu verbessern. Gleichzeitig können die Käufe das Angebot langfristiger Anleihen am Markt reduzieren und damit deren Preise stützen beziehungsweise die Renditen drücken.

Genau das gelang zunächst jedoch nicht.

Nach der Ankündigung stiegen die Renditen am langen Ende der Kurve weiter. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte zeitweise rund 4,84 Prozent, die 20-jährige Rendite stieg auf etwa 5,31 Prozent. Auch die 30-jährige Treasury-Rendite überschritt erneut die Marke von 5,3 Prozent. Zuvor hatte sie mit 5,34 Prozent bereits den höchsten Stand seit 19 Jahren erreicht.

Der Markt hatte offenbar auf einen größeren Eingriff gehofft. Einige Händler rechneten mit Buybacks im Umfang von sechs bis acht Milliarden Dollar, teilweise lagen die Erwartungen sogar bei bis zu zehn Milliarden Dollar.

Robert Tipp von PGIM Credit verwies auf das grundlegende Problem: Das Finanzministerium emittiere enorme Mengen neuer Staatsanleihen und versuche gleichzeitig, mit vergleichsweise kleinen Rückkäufen den Druck am langen Ende der Zinskurve abzufedern.

Die Größenordnungen zeigen die Herausforderung. Die gesamten US-Staatsschulden bewegen sich inzwischen um die Marke von 40 Billionen Dollar. Die öffentlich gehaltene Verschuldung liegt bei mehr als 31 Billionen Dollar. Gleichzeitig ist das Emissionsvolumen von Treasuries in diesem Jahr deutlich gestiegen.

Druckenmiller warnt vor zunehmenden Marktinterventionen

Besonders kritisch sieht Investor Stanley Druckenmiller die zunehmenden Eingriffe des Finanzministeriums. Seine Sorge: Sobald Marktteilnehmer den Eindruck gewinnen, dass das Treasury eine bestimmte Rendite oder ein bestimmtes Preisniveau verteidigen will, könnten steigende Renditen immer wieder zum Test der staatlichen Entschlossenheit werden.

Dann müsste das Finanzministerium seine Käufe möglicherweise immer weiter erhöhen, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Damit entsteht eine zunehmend ungewöhnliche Konstellation. Fed-Chef Kevin Warsh spricht sich grundsätzlich für weniger Eingriffe in Finanzmärkte und einen stärkeren Fokus auf Preisstabilität aus. Finanzminister Scott Bessent tritt dagegen immer aktiver als Marktstabilisator auf.

Neben den Treasury-Buybacks ist das besonders am Devisenmarkt sichtbar.

Yen-Aufwertung bedroht den globalen Carry Trade

Der japanische Yen hat seit Anfang August rund 6,5 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen. USD/JPY bewegte sich zuletzt um 153 und damit auf dem für den Yen stärksten Niveau seit Februar.

Hinter der Bewegung stehen unter anderem wiederholte Interventionen Japans und der USA am Devisenmarkt.

Problematisch ist dabei die weiterhin extreme Positionierung vieler Anleger. Von Bloomberg erfasste Daten zeigen, dass Yen-Shortpositionen Anfang September weiterhin bei mehr als fünf Billionen Yen lagen und damit nahe an Rekordständen.

Eine weitere Yen-Aufwertung könnte deshalb einen selbstverstärkenden Prozess auslösen. Anleger, die auf einen schwachen Yen gesetzt haben, müssen ihre Shortpositionen schließen und dafür Yen zurückkaufen. Diese Käufe stärken wiederum die japanische Währung und setzen weitere Shortpositionen unter Druck.

Saxo-Anlagestrategin Charu Chanana warnt deshalb vor einem beschleunigten Abbau von Fremdkapital. Besonders relevant: Dieser Prozess beginnt bereits, bevor die Bank of Japan ihre erwartete nächste Zinserhöhung umgesetzt hat.

Für die Sitzung Ende September wird eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte erwartet.

Warum der Yen auch für Bitcoin wichtig ist

Die Bedeutung des Yen reicht weit über Japan hinaus. Die japanische Währung gehört seit Jahren zu den wichtigsten Finanzierungswährungen des globalen Carry Trades.

Investoren nehmen dabei günstige Kredite in Yen auf und investieren das Geld in höher rentierende Vermögenswerte. Wird die Finanzierung in Yen teurer oder wertet die Währung stark auf, verlieren solche Strategien an Attraktivität. Positionen werden geschlossen und Fremdkapital reduziert.

Das kann global Liquidität aus Aktien, Anleihen, Emerging Markets und anderen Risikoanlagen ziehen. Auch Bitcoin kann davon betroffen sein.

Ein abrupter Yen-Carry-Trade-Unwind wäre deshalb ein externer Liquiditätsschock für den Kryptomarkt – unabhängig davon, wie sich die fundamentalen Daten innerhalb des Krypto-Sektors entwickeln.

US-Finanzminister Bessent hat Spekulanten zugleich deutlich signalisiert, dass weitere Eingriffe möglich sind. Bei einer Veranstaltung in Texas sagte er mit Blick auf Yen-Interventionen, er verfüge über einen Informationsvorsprung hinsichtlich der nächsten Schritte japanischer Entscheidungsträger: „I am the house now.“

Die Botschaft an Anleger, die weiterhin massiv auf einen schwächeren Yen setzen, ist eindeutig.

Trump bringt zusätzlich 1,2 Billionen Dollar Stimulus ins Spiel

Während Finanzministerium und Notenbank mit Inflation, steigenden Renditen und Marktstress kämpfen, kommt aus Washington gleichzeitig ein potenziell enormer neuer Fiskalimpuls.

Donald Trump versprach am Mittwochabend jedem erwachsenen US-Staatsbürger einen „Dividend“ von 5.000 Dollar, falls die Republikaner bei den Midterm-Wahlen sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat gewinnen.

Bei geschätzt 240 Millionen erwachsenen US-Bürgern würde das Programm rund 1,2 Billionen Dollar kosten.

Zum Vergleich: Das amerikanische Haushaltsdefizit lag zuletzt bei ungefähr 1,8 Billionen Dollar. Eine einmalige Zahlung dieser Größenordnung würde damit alleine rund zwei Dritteln eines gesamten jährlichen Defizits entsprechen.

Vizepräsident JD Vance erklärte gegenüber Fox News, die Finanzierung solle über Zolleinnahmen erfolgen. Die Rechnung geht nach aktuellen Schätzungen allerdings nur begrenzt auf.

Das Budget Lab der Yale University schätzt, dass die derzeit geltenden Zölle über zehn Jahre etwa 1,9 Billionen Dollar einbringen könnten. Durchschnittlich wären das rund 190 Milliarden Dollar pro Jahr – weniger als ein Fünftel der Kosten eines 1,2 Billionen Dollar schweren Dividendenprogramms.

Ohne weitere Einnahmen oder Ausgabenkürzungen müsste ein großer Teil der Zahlung daher über zusätzliche Schulden finanziert werden.

Stimulus könnte Fed zusätzlich unter Druck setzen

Auch die Inflationswirkung wäre nicht zu unterschätzen. Ein Scheck von 5.000 Dollar entspricht rund acht Prozent des annualisierten Medianlohns eines amerikanischen Vollzeitbeschäftigten.

MarketWatch geht davon aus, dass Haushalte mehr als 60 Prozent einer solchen Zahlung konsumieren könnten. Bei einem Gesamtvolumen von 1,2 Billionen Dollar wären damit theoretisch mehr als 700 Milliarden Dollar zusätzlicher Konsum möglich.

Ein derartiger Nachfrageimpuls träfe auf eine Wirtschaft, deren Inflationsrate bereits bei 3,4 Prozent liegt und die gleichzeitig mit stark gestiegenen Energiepreisen konfrontiert ist.

Die Fed könnte daher gezwungen sein, einen Teil des fiskalischen Impulses durch höhere Zinsen wieder zu neutralisieren. Bereits ohne das Dividend-Programm preisten die Märkte zuletzt eine erhebliche Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September ein.

Allerdings ist Trumps Vorstoß bislang lediglich ein konditionales Wahlversprechen. Voraussetzung wäre, dass die Republikaner im November beide Kammern des Kongresses gewinnen. Der Prediction Market Kalshi sah die Wahrscheinlichkeit dafür zuletzt bei lediglich rund 15 Prozent.

Bitcoin zwischen Liquidität und Debasement

Für Bitcoin ergibt sich daraus ein widersprüchliches Makroumfeld.

Kurzfristig dominieren die Belastungsfaktoren. Öl über 100 Dollar erhöht den Inflationsdruck, Treasury-Renditen bleiben auf Mehrjahreshochs und eine weitere Yen-Aufwertung könnte einen beschleunigten Abbau globaler Carry Trades auslösen. All diese Faktoren sprechen zunächst für restriktivere Finanzierungsbedingungen und geringere Risikobereitschaft.

Mittelfristig zeichnet sich gleichzeitig ein anderes Bild ab. Das US-Finanzministerium greift stärker in den Bondmarkt ein, staatliche Deviseninterventionen nehmen zu und die Politik diskutiert trotz bereits hoher Defizite über zusätzliche Transferzahlungen in Billionenhöhe.

Damit prallen zwei Narrative unmittelbar aufeinander: kurzfristig ein restriktives Umfeld aus hohen Zinsen und sinkender Liquidität – langfristig aber immer größere Staatsschulden und zunehmende Eingriffe zur Stabilisierung des Finanzsystems.

Für Bitcoin dürfte deshalb nicht allein die Marke von 80.000 Dollar entscheidend sein. Mindestens ebenso wichtig ist in den kommenden Wochen die Frage, ob sich der Stress an den globalen Anleihe- und Devisenmärkten weiter verschärft – oder ob die zunehmenden staatlichen Interventionen die Finanzierungsbedingungen wieder stabilisieren können.

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