Der Verkaufsdruck am Bitcoin-Markt verschärft sich zum Ende des zweiten Quartals deutlich. Während der Kurs zeitweise bis auf rund 58.000 Dollar zurückfiel und damit die wichtige Marke von 60.000 Dollar erneut preisgab, liefern vor allem institutionelle Kapitalströme ein alarmierendes Signal. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im Juni die höchsten monatlichen Mittelabflüsse seit ihrer Einführung – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Nachfrage institutioneller Investoren spürbar abgekühlt hat.
Nach Daten von SoSoValue zogen Anleger im Juni insgesamt rund 4,5 Milliarden Dollar aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs ab. Damit fiel der Kapitalabfluss mehr als dreimal so hoch aus wie das Volumen des neuen Bitcoin-Monetarisierungsprogramms von Strategy, über das das Unternehmen bis zu 1,25 Milliarden Dollar aufnehmen darf. Seit Jahresbeginn summieren sich die Nettoabflüsse der ETFs inzwischen auf rund 5,5 Milliarden Dollar. Zwar liegen die kumulierten Zuflüsse seit dem Start der Produkte weiterhin bei über 51 Milliarden Dollar, doch der Trend hat sich in den vergangenen Monaten klar gedreht.
Besonders stark betroffen war der iShares Bitcoin Trust (IBIT) von BlackRock. Allein auf den größten Spot-Bitcoin-ETF entfielen im Juni Nettoabflüsse von rund 3,55 Milliarden Dollar – fast 80 Prozent aller Abflüsse des Monats. Die Entwicklung unterstreicht, dass sich die Zurückhaltung institutioneller Anleger inzwischen auch bei den größten und liquidesten Produkten bemerkbar macht.
Noch deutlicher wird die nachlassende Nachfrage beim Blick auf die tatsächlichen Bitcoin-Bestände der ETFs. Obwohl die kumulierten Nettozuflüsse gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen sind, halten die US-Spot-Bitcoin-ETFs laut Daten von CryptoQuant inzwischen weniger Bitcoin als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Die Bestände sind unter die Marke von 1,25 Millionen BTC gefallen. Für Julio Moreno, Research-Chef von CryptoQuant, ist dies ein klares Zeichen dafür, dass die institutionelle Nachfrage derzeit an Dynamik verliert.
Strategy steht unter Druck
Parallel gerät auch Strategy erneut in den Fokus der Anleger. Das Unternehmen hatte zu Wochenbeginn ein neues Bitcoin-Monetarisierungsprogramm vorgestellt, das Teil einer umfassenderen Kapitalstrategie zur Finanzierung von Dividenden auf Vorzugsaktien ist. Während einige Investoren den Schritt als sinnvolle Erweiterung der Finanzierungsmöglichkeiten bewerten, sehen andere darin ein Warnsignal für zunehmenden Finanzierungsdruck innerhalb der Kapitalstruktur. Entsprechend volatil fiel die Reaktion an der Börse aus: Die Strategy-Aktie sprang zunächst um rund zwölf Prozent auf über 90 Dollar, drehte anschließend jedoch deutlich ins Minus und schloss den Handelstag mehr als sechs Prozent schwächer bei 86,93 Dollar.
Der schwache ETF-Markt trifft auf ein ohnehin angespanntes charttechnisches Umfeld. Bitcoin verlor im zweiten Quartal knapp 20 Prozent an Wert und entwickelte sich damit deutlich schlechter als die US-Aktienmärkte. Während der S&P 500 das stärkste Quartal seit 2020 verzeichnete und der Nasdaq 100 um rund 25 Prozent zulegte, setzte sich die Korrektur am Kryptomarkt fort.
Starker Dollar belastet die Märkte
Zusätzlichen Gegenwind liefert die Entwicklung am Devisenmarkt. Der US-Dollar stieg gegenüber dem japanischen Yen auf den höchsten Stand seit Mitte der 1980er Jahre. Marktteilnehmer befürchten zunehmend eine Intervention der japanischen Regierung zur Stabilisierung der Landeswährung. Analyst George Gammon sieht darin ein generelles Problem für viele Marktteilnehmer mit Dollar-Verbindlichkeiten: Um an dringend benötigte US-Dollar zu gelangen, müssten Vermögenswerte verkauft werden – ein Mechanismus, der auch den Bitcoin-Kurs zusätzlich unter Druck setzen könne.
Auch die Onchain-Daten sprechen derzeit für eine fortgeschrittene Bereinigungsphase. Nach Angaben von CryptoQuant gelangen seit dem Fall unter 70.000 Dollar verstärkt Bitcoin auf die Börsen, die zwischen sechs und zwölf Monaten gehalten wurden. Dabei handelt es sich überwiegend um Coins, die nahe der bisherigen Höchststände gekauft wurden. Viele dieser Investoren realisieren inzwischen Verluste und kapitulieren. Historisch gingen vergleichbare Kapitulationsphasen den langfristigen Tiefpunkten der Bärenmärkte in den Jahren 2018 und 2022 voraus.
Markiert diese Marke den endgültigen Boden?
Entsprechend richtet sich der Blick vieler Analysten inzwischen auf eine zentrale Onchain-Marke: den sogenannten Realized Price. Dieser liegt aktuell bei rund 53.300 Dollar und beschreibt den durchschnittlichen Einstandspreis aller im Umlauf befindlichen Bitcoin. In früheren Bärenmärkten markierte ein Unterschreiten dieser Marke regelmäßig den Beginn einer attraktiven langfristigen Kaufzone. Bitcoin notiert derzeit weniger als zehn Prozent oberhalb dieses Niveaus.
Mehrere bekannte Marktbeobachter halten deshalb weitere Kursverluste für möglich. Der Stock-to-Flow-Analyst PlanB sieht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent, dass Bitcoin sowohl unter den 200-Wochen-Durchschnitt als auch unter den Realized Price fällt, bevor ein nachhaltiger Boden ausgebildet wird. Auch andere Analysten schließen einen Test dieser Zone nicht aus.
Damit verdichten sich derzeit mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig: Rekordabflüsse aus den Spot-Bitcoin-ETFs, sinkende institutionelle Bestände, zunehmende Kapitulation kurzfristiger Investoren sowie makroökonomischer Gegenwind durch den starken Dollar. Gleichzeitig könnte genau diese Kombination historisch betrachtet den Weg für die nächste langfristige Akkumulationsphase ebnen – vorausgesetzt, Bitcoin findet in den kommenden Wochen im Bereich des Realized Price tatsächlich einen tragfähigen Boden.




